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Der Barschel-Mord

Bis heute ein Staatsgeheimnis: Der Barschel-Mord

Damit es nie in Vergessenheit gerät, hier das ganze Interview mit Wolfram Baentsch!

Politiker Uwe Barschel

CDU Politiker Uwe Barschel

Bis heute ein Staatsgeheimnis: Der Barschel-Mord
02. Okt 2006 07:54

Uwe Barschel musste sterben, weil er von einem Waffengeschäft zwischen Israel und dem Iran erfahren hatte. So sieht es Buchautor Wolfram Baentsch, der in der Netzeitung erläutert, wieso die Tat bis heute vertuscht wurde.

Netzeitung: Herr Baentsch, was hat Sie eigentlich dazu gebracht, mehrere Jahre ihres Lebens zu investieren, um die Barschel-Affäre wieder aufzurollen? Die liegt doch nun schon fast zwei Jahrzehnte zurück.

Wolfram Baentsch: Das große Rätsel, das dieser Affäre, die man Barschel-Affäre nennt, anhaftet, hat mich damals schon gepackt. Von vornherein hatte ich große Zweifel insbesondere an der offiziellen Darstellung von Barschels Todesursache im Genfer Hotel Beau Rivage. Ich habe mich dann schließlich entschlossen, dieses Buch zu schreiben und über drei Jahre dafür recherchiert.

Netzeitung: Jeder erinnert sich an das Bild des toten Uwe Barschel in der Badewanne. Sie sprechen im Titel Ihres Buches von einem Doppelmord. Wie darf man das verstehen?

Baentsch: Zum einen ist Uwe Barschel in Genf physisch ermordet worden. Zum anderen gab es aber auch einen Rufmord an ihm, der schon vor seinem Tod eingesetzt hatte, und über viele Jahre, im Grunde bis heute angehalten hat. Barschel ist diffamiert worden, als einer, der im schleswig-holsteinischen Landtagswahlkampf von 1987 große Schuld auf sich geladen hätte.

Netzeitung: Uwe Barschel, so schreiben Sie, musste sterben, weil er zu einem untragbaren Risiko für die Geheimdienste geworden war. Sein Tod habe den gleichen Hintergrund wie der Mord an Olof Palme.

Baentsch: In der Tat. Olof Palme ist im Februar 1986 auf offener Straße erschossen worden, weil er Waffenlieferungen aus Schweden in Kriegsgebiete verhindern wollte. Uwe Barschel ist aus dem gleichen Grund aus dem Weg geschafft worden. Auch er hatte von Waffengeschäften zwischen Israel und dem Iran erfahren, die über Schleswig-Holstein abgewickelt worden waren. Der Ministerpräsident Barschel wusste davon aber nur durch eigene Recherchen und durch die Informationen seiner engsten Mitarbeiter.

Die Politiker, die damals die Waffenlieferungen betrieben haben, hatten Barschel nicht informiert. Es gab deshalb im schleswig-holsteinischen Parlament einen heftigen Zusammenstoß zwischen Uwe Barschel und seinem Amtsvorgänger, dem damaligen Finanzminister Stoltenberg. Barschel entrüstete sich da über die Waffengeschäfte hinter seinem Rücken. Diese waren in der Regel mit tatkräftiger Mitwirkung und dem vollen Wissen der Geheimdienste, also dem BND, dem Mossad und der CIA vonstatten gegangen.

Netzeitung: Waffengeschäfte zwischen Israel und dem Iran? Das liegt ja zunächst einmal nicht auf der Hand.

Baentsch: Israel und die USA hatten ein gemeinsames Interesse daran, den Krieg zwischen Iran und Irak mit Waffen zu füttern. Je länger und verlustreicher er würde, desto besser. Gleichzeitig hatten sie natürlich ein Interesse daran, nicht selbst als die Förderer dieses Krieges in Erscheinung zu treten. Seit langem ist ja bekannt, dass Saddam Hussein lange Zeit von Amerika mit Waffen beliefert worden ist. Hätte man nicht nun auch den Iran mit Waffen versorgt, wäre der Krieg schnell zu Ende gewesen.

Diese Aufgabe übernahm Israel und brauchte dazu Deutschland als Vorposten. Die Waffen wurden in Lastwagen über Italien nach Deutschland transportiert, zunächst nach Hamburg und dann nach Schleswig-Holstein. Die ursprüngliche Route verlief über Dänemark – dort hatten sich aber die Gewerkschaften geweigert, diese illegalen Transaktionen weiter zu dulden. All diese Vorgänge hat ein ehemaliger Mossad-Agent namens Victor Ostrovsky in aller Breite beschrieben, und er ist bis heute unwiderlegt geblieben.

Netzeitung: Ostrovsky, dessen Buch «Geheimakte – Mossad» 1994 erschienen ist, hatte ja auch die Erklärung für den Tod Uwe Barschels parat.

Baentsch: Er spricht von einem Mord und beschreibt ihn in den allermeisten Punkten so, wie es die medizinischen, toxikologischen, kriminalistischen Recherchen hinterher auch bestätigt haben. Ein Killerkommando des Mossad, so sagt Ostrovsky, habe Uwe Barschel in Genf ermordet.

Barschels Todes Foto

Barschels Todes Foto

Netzeitung: Dem stimmen Sie zu?

Baentsch: Ich finde das plausibel. Barschel ist von mehreren Personen ermordet worden, das war nicht einer alleine.Dieser Mord lässt sich auf verschiedene Arten beweisen. Die Beweise aber, und das ist das erschreckende, sind zwar erbracht worden und sie liegen auch vor, durften aber nie veröffentlicht werden. So hat zum Beispiel der Zürcher Toxikologe Professor Brandenberger in einem Gutachten akribisch nachgewiesen, dass das tödliche Gift Barschel erst verabfolgt worden ist, als er schon bewusstlos war. Er hat es also gar nicht selbst aufnehmen können. Und schon gar nicht, wäre er danach in der Lage gewesen, die Spuren zu beseitigen. Die Flasche Wein, die er am Abend zuvor bestellt hatte, fand sich in den Zimmer nicht mehr. Auch wäre er nicht mehr in der Lage gewesen, die Verpackungen der vielen Medikamente, die in seinem Körper gefunden wurden, zu beseitigen.

Barschel starb an einem Gift, Cyklobarbital, das dem bereits Bewusstlosen in großer Menge verabreicht worden war. Während sich das Cyklobarbital noch im Magen befand, waren drei andere Gifte bereits in der Ausscheidungsphase begriffen. Diese Gifte hatten zuvor die Bewusstlosigkeit bewirkt. So der toxikologische Befund von Professor Brandenberger. Ich habe sein Gutachten nun übrigens über die Website meines Verlages öffentlich gemacht. Aus weiteren Indizien lässt sich etwa folgender Tathergang rekonstruieren: Uwe Barschel ist unter dem Vorwand, man wolle ihm dort Beweismaterial überreichen, das ihn in der Pfeiffer-Angelegenheit entlasten würde, nach Genf gelockt worden. Dort traf er sich im Hotelzimmer mit seinen Mördern.

Die haben ihn zunächst pharmazeutisch betäubt, aber auch körperliche Gewalt angewendet, wovon Kopfverletzungen zeugen, die zunächst unbemerkt geblieben sind. Das tödliche Gift ist dem Bewusstlosen schließlich mit einem Schlauch durch die Nasenlöcher inturbiert worden. Auch das wird durch Verletzungen der Nasenschleimhäute bewiesen.

Netzeitung: Die allgemeine Erinnerung führt Uwe Barschel aber bis heute nicht als Opfer, sondern gemeinhin als skrupellosen Machtpolitiker, dem seine kriminellen Machenschaften schließlich bis zum Tod in der Badewanne über den Kopf gewachsen sind. Sein Kontrahent Björn Engholm gilt hingegen als integerer Politiker, und kaum jemand vermag noch zu sagen, warum er eigentlich am Ende zurücktreten musste. Wie kommt es zu dieser Erinnerung?

Baentsch: Durch eine riesige und bis heute andauernde Desinformationskampagne. Führen wir uns die Fakten vor Augen: Der erste parlamentarische Untersuchungsausschuss, den der gerade ermordete Barschel ja nicht mehr miterleben konnte, hat Barschel in allen Punkten schuldig gesprochen. Es ging, wie sie sich erinnern, um die Bespitzelungen und Intrigen, die der Journalist Reiner Pfeifer im Auftrag Barschels gegen den politischen Konkurrenten Björn Engholm gerichtet haben sollte. Dann aber gab es einen weiteren parlamentarischen Untersuchungsaussschus. Es war nämlich herausgefunden worden, dass Pfeiffer von der anderen Seite, also von Engholms SPD finanziert worden war.

Netzeitung: Die sogenannte Schubladenaffäre.

Baentsch: Genau. In dieser Schublade will der Parteivorsitzende der SPD zweimal 25.000 Mark angespart haben, die dann Pfeiffer in zwei Taschen nächtens auf der Autobahn übergeben worden sind. Das kam damals durch einen Zufall heraus. Eine zeitweilige Lebensgefährtin Pfeiffers hatte es offenbart, und so gelangte die Geschichte in den Stern. Der zweite Untersuchungsausschuss kam also zu einem ganz anderen Ergebnis. Dass nämlich die SPD sehr frühzeitig mit Pfeiffer zusammengearbeitet hatte und Barschel nicht der Auftraggeber von Pfeiffer war.

Heute ist sicher, dass Pfeiffer von den Geheimdiensten instrumentalisiert worden ist, dass Engholm aber dann mit ihm zusammengearbeitet hat, weil er dachte, Pfeiffer hätte auf Geheiß Barschels gehandelt. Als der «Spiegel» diese Geschichte am Vorabend der Wahl herausgebracht und das Ergebnis damit wohl maßgeblich zu Engholms Gunsten beeinflusst hat, ist er beiden – Pfeiffer und Engholm – auf den Leim gegangen.

Netzeitung: All das entschuldigt Uwe Barschel.

Baentsch: Im Grunde war das das Resultat des zweiten Untersuchungsausschusses: Barschel hatte nicht die Schuld auf sich geladen, unter deren Last er hätte zusammenbrechen und Selbstmord begehen können. Schließlich war das Hauptmotiv für Barschels vermeintlichen Suizid vom Tisch. Immer nur war nämlich zuvor von seiner großen Schuld die Rede gewesen und von seiner Karriereversessenheit, die ein Leben ohne politische Macht ihm sinnlos hätte erscheinen lassen. Das ist aber blanker Unsinn.

Freunde von Uwe Barschel wissen es übrigens auch besser. Justus Frantz, der mit ihm zusammen das Schleswig-Holstein-Festival ins Leben gerufen hatte, erinnert sich daran, dass Barschel ohnehin plante, sich Mitte der 1987 beginnenden Legislaturperiode von der Politik zurückzuziehen und in die Wissenschaft zu gehen. Er hatte seine Habilitationsschrift bereits fast fertig gestellt. Barschel war von der Politik maßlos enttäuscht. Als er von den heimlichen Waffengeschäften, die hinter seinem Rücken gelaufen waren, erfahren hatte, wollte er nicht weiter mit machen. Das Metier insgesamt war ihm suspekt geworden. Als er sich aber weigerte, Grundgesetzbrüche auf seine Kappe zu nehmen, bekam er zunehmend große Angst und fühlte sich bedroht. Das hat er auch wiederholt geäußert.

Netzeitung: Hatte Barschel auch objektive Anhaltspunkte für eine solche Bedrohung?

Baentsch: Ganz sicher. Ich sehe es etwa durch viele Indizien als erwiesen an, dass der Flugzeugabsturz, den Barschel am 31. Mai 1987 in einer Cessna als einziger und schwerverletzt überlebt hatte, kein Unfall war, wie damals behauptet wurde, sondern ein Attentat. Außerdem ist erwiesen, dass zwischenzeitlich ein holländischer Killer auf Barschel angesetzt worden war, der aber kurz darauf einen Herzinfarkt erlitt. Er kommt also für den Mord in Genf nicht in Frage. Der Mordauftrag ist zwar aktenkundig, wurde aber niemals öffentlich. Überhaupt ist eine ganze Reihe kriminalistischer Ergebnisse der Öffentlichkeit kategorisch vorenthalten worden.

Netzeitung: Mit Recht kann man sagen: Ihr Buch liest sich spannend wie ein Krimi. Setzen Sie sich damit aber nicht auch einer Gefahr aus? Je spektakulärer die politische Verstrickung, je finsterer ein geheimdienstlicher Masterplan erscheint, desto eher werden Sie sich den Vorwurf einhandeln, eine typische Verschwörungstheorie in die Welt zu setzen.

Baentsch: Ich rechne schon damit, dass man mich als Verschwörungstheoretiker bezeichnen wird. Doch fürchte ich diesen Vorwurf nicht. Er wird in sich zusammen fallen, sobald man die Fakten zur Kenntnis nimmt, die das Buch liefert.Ich habe ja keine Spekulationen angestellt, sondern eine umfangreiche Faktenrecherche dokumentiert.

Netzeitung: Besonders schnell wird von Verschwörungstheorien gesprochen, wenn Israel oder der Mossad ins Spiel kommt. Zuletzt musste sich ausgerechnet der Regisseur Steven Spielberg vorwerfen lassen, sein Film «München» schlage antisemitische Töne an.

Baentsch: Wenn Sie schon auf Spielberg ansprechen: Es gibt doch so viele Juden, die in beispielloser Hinsicht an Aufklärung und der Wahrheit interessiert sind. Dazu zähle ich Victor Ostrovsky, über den wir sprachen, oder etwa Uri Avnery, den ich voll und ganz bewundere und als Vorbild verehre. Mord, gezielte Erschießungen, also Staatsterrorismus – das sind doch Dinge, die Israel in Verruf bringen. Und Leute wie Ostrovsky und Avnery zeigen darauf, um das abzustellen. Das liefert auch uns einen Grund, mit Israel ehrlich umzugehen und zu sagen, wo es nach unseren Überzeugungen zu weit geht, oder Dinge tut, die unserem Grundgesetz widersprechen. Wer so etwas kritisiert, ist noch lange kein Antisemit.

Netzeitung: Sie richten Ihre Kritik ja auch gegen die deutschen Verhältnisse.

Baentsch: Wir haben allen Grund unsere schöne Demokratie zu reparieren, wo sie reparaturbedürftig ist. Und da gibt es zwei Ansatzpunkte. Zum einen müssen die Geheimdienste kontrolliert werden: durch die Justiz und durch die Parlamente. Das geschieht aber nicht. Die Dienste können in Deutschland, wie sie wollen, abhören und Verfassungsbrüche begehen, ohne dass sie dadurch irgendetwas zu befürchten hätten. Ihre Abhängigkeit von ausländischen Geheimdiensten ist ein völlig unkontrollierbares Feld und öffnet Tür und Tor für Willkür und Verbrechen. Das muss abgestellt werden.

Dazu müssen aber auch unsere Staatsanwaltschaften endlich frei ermitteln dürfen. Hierzulande sind die Staatsanwälte ja weisungsgebunden, und je brisanter ein Fall in politischer Hinsicht ist, desto massiver greift die Politik in die Arbeit der Staatsanwaltschaft ein. Das ist illegitim. Die Barschel-Affäre zeigt das mustergültig. Die Lübecker Staatsanwaltschaft hat akribisch und genau ermittelt und äußerst aufschlussreiche Ergebnisse erzielt. Sie wurde aber dann daran gehindert, diese Ergebnisse auch öffentlich zu machen. Wenn mein Buch mithelfen könnte, an diesen Zuständen etwas zu ändern – ich wäre stolz darauf.

Netzeitung: Sie beleuchten die Barschel-Affäre als prototypisches Resultat des Kalten Krieges. Welche Lehren kann man aus ihr für die Gegenwart ziehen?

Baentsch: Der Kalte Krieg ist damals so kalt und so kriegerisch schon gar nicht mehr gewesen. Tatsächlich haben die Geheimdienste glänzend zusammengearbeitet. Oft wurde der Kalte Krieg einfach vorgeschoben, um eine massive Aufrüstung zu legitimieren. Heute haben wir ja stattdessen den Krieg gegen den Terrorismus. Auch hier glaube ich, dass eine Gefahr systematisch übertrieben wird, um ganz andere Zwecke zu erreichen. Geopolitik, Rüstungsgeschäfte – wo sich gut verdienen lässt, haben vorgeschobene Feindbilder mitunter große Vorteile. Täuschungsmanöver, wie das, was ich in meinem Buch beschreibe, halte ich daher durchaus noch immer für möglich.

Barschels Grabstein

Barschels Grabstein

Mit Wolfram Baentsch sprach Ronald Düker.
Wolfram Baentschs Buch «Der Doppelmord an Uwe Barschel. Die Fakten und Hintergründe» (318 Seiten, 24,90Euro) ist beim Herbig Verlag zu haben.

Quelle Netzeitung

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